Jetzt habe ich mir einige Tage die Ereignisse rund um die Tragödie von Duisburg am 24. Juli angesehen. Auch konnte ich beobachten, wie die Leute auf Twitter damit umgehen. Betroffenheit war in erster Linie zu spüren und dann die vielen verschiedenen Arten das zu verarbeiten. Manchen ging es vielleicht auch am Arsch vorbei und weil sie immerhin wissen, dass so etwas gesellschaftlich geächtet ist, versuchten viele wenigstens den Schein zu wahren, bevor Sie dann ein paar Stunden später wieder in den üblichen Ironie-, Witze- und Beziehungsstresssimulationstweetmodus verfielen. Manche wirken dabei vollkommen abgestumpft. Andere eher hysterisch. Man giftet sich gegenseitig an, warf sich Pietätlosigkeit vor und man weiß natürlich ganz genau was Schaller, Sauerland und Konsorten jetzt zu tun haben
.
Heute habe ich mir dann ein ca. 10-minütiges Video angeschaut, das die Ereignisse ein weiteres mal auf drastische Weise verdeutlicht. Viele, die es gesehen haben, hat das sehr mitgenommen. Ich empfand es nicht krasser, als viele andere Aufnahmen und Berichte von der Katastrophe. Natürlich mussten sich einige Twitterer wieder dadurch hervortun, dass sie lauthals verkündeteten es sich nicht anzuschauen, weil, man ist ja sensibel und extrem moralisch obendrein. Ich weiss nicht, ob ich das in der Tiefe richtig interpretiere, es sind in diesen Momenten immer die gleichen Leute mit immer den gleichen Mustern, es fällt auf. Oft kommt mir das bemüht und konstruiert vor.
Ich kann nicht behaupten, dass ich angesichts des Videos weinend zusammen gebrochen wäre. Ich würde mich selbst nicht als gefühlskalt oder extrem abgezockt beurteilen, aber ich wüsste gar nicht bei welcher der unfassbar vielen Katastrophen, die ich den ganzen Tag oft beiläufig, gar beim Abendessen so wahrnehme, die ich in der Tagesschau sehe, im Internet, in den Tagezeitungen, ich mehr oder weniger betroffen sein müsste. Es ist einfach nicht mehr möglich, das alles aufzunehmen. Ich kann das schwer beurteilen. Warum ist das so. Ein Ereignis in meinem Leben, hat sicher zu diesem etwas abgebrühten Verhalten beigetragen. Und zwar, es war am 6. Juli 1976, habe ich mit meiner damals 6-jährigen Schwester eine Straße in unserer Nachbarschaft überquert. Wir kamen gerade aus unserem Garten, der sich in den Weinbergen am Rande von Wiesbaden befand. Es war heiß an diesem Tag und es war uns langweilig. Wir wollten nach Hause. Wir überquerten also die Straße und ich konnte gar nicht so schnell schauen und meine Schwester auch gar nicht warnen, da kam ein Auto mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit angefahren und erfasste meine Schwester und schleuderte sie durch die Luft. Sie verstarb anschliessend, an den Folgen ihrer Verletzungen. Die grässlichen Details, die Geräusche, all das hat mein Leben geprägt. Anschließend war alles anders, als je zuvor. Ich war neun Jahre alt und am nächsten Morgen hatte ich das Gefühl irgendwie erwachsen geworden zu sein. Es hat hat mich seelisch an eine andere Stelle im Leben gedrängt. Ich musste den Tod verarbeiten. Den meisten Menschen ist dieser Umstand eher in fortgeschrittenem Alter beschieden. Ich weiss aber gar nicht, ob das so gut ist. Viele Menschen aus meine Bekanntenkreis sind derart hilflos und ohne jegliche innere Vorbereitung, angesichts eines Todesfalles oder einer Katastrophe, ich kann das oft gar nicht nachvollziehen. Ich möchte darüber aber keinesfalles urteilen oder mich drüber erheben. Das ist eine monströse und schwer zu verarbeitende Angelegenheit. Da muss jeder für sich durch.
Ich bin nach dem Unfall damals einige Tag zuhause geblieben, es waren ohnehin gerade Sommerferien und dann bin ich wieder raus und habe mit meinem besten Kumpel nichts absurderes machen können, als mit Kreide überfahrene Menschen auf die Straße zu malen und mich über die grotesken Reifenspuren, die wir über die Gesichter der Figuren zeichneten, kaputt zu lachen. Die Nachbarn waren schockiert, aber irgendwie war das der Punkt damals, der mir den Weg geebnet hat, das schlimme Ereignis als ein Teil des Lebens zu betrachten und zu akzeptieren. Leute die das Gefühl haben, sie könnten und dürften nach so einer Tragödie nie wieder lachen, kann ich ad hoc natürlich keinen Tipp geben, der nicht banal und dämlich anmaßend anmutet, aber es ist schon immer auch ein bisschen so, wie Dragoslav Stepanovic den Fans am 16. Mai 1992, nach dem 1:3 der Franfurter Eintracht gegen Hansa Rostock und der damit verlorenen Meisterschaft lakonisch mit auf den Weg gab: Lebbe geht weiter! Und was ist schon eine verlorene Meisterschaft? Für manche geht da ja schon die Welt unter.
Das ist alles schwer zu erklären, aber es sind doch nun in den Jahren so viele grauenhafte Ereignisse passiert und Angehörige und Freunde sind gestorben, dass es ich mich jedesmal frage, warum denn nun dieses Ereignis in Duisburg den Menschen so unter die Haut geht. Ich kann mich erinnern, irgendwann in den Neunzigern muss es gewesen sein, da gingen in den Alpen, in einem Skigebiet ein paar Lawinen ab, so dass einige Menschen verschüttet und andere in den Tälern eingeschlossen waren. Man hat tagelang darüber berichtet, ein ARD-Brennpunkt nach dem anderen zeigte irgendwelche Leute in Aufregung in einer Region in der die Lawinen letztlich deshalb so massiv abgehen, weil zuvor der komplette Wald an den Hängen der Skipisten zum Opfer fiel. Die Menschen zuhause an den TV-Geräten waren jedoch aufgeregt, alle sprachen darüber. Große Sache. Mitten in dieser Zeit, in denen die Skiurlauber in den Alpen eingeschlossen waren, gab es eine Flutkatastrophe in Südamerika, in deren Verlauf über 40.000 Menschen ums Leben kamen. Dieser Nachricht wurde ca. 30 Sekunden Zeit und klitzekleine Artikel in den Gazetten eingeräumt. Es ging schlichtweg unter. Es entstand der Eindruck der unterschiedlichen Wertigkeit von Menschen. Ähnliches ist zu beobachten, wenn beispielsweise beim Absturz eines Flugzeugs die Menschen erst unruhig werden, wenn "Deutsche unter den Opfern" zu verzeichnen sind. Gerade ist in Pakisten ein Flugzeug abgestürzt, aber es ist keine Zeit und keine Trauer mehr übrig, es ist nicht von Interesse. Dafür hält man sich lieber moralinsauer mit der moralisch noch verkorksteren Eva Herman auf und gibt ihr so noch ein bisschen Publicity. So ist das.
Aber warum? Weil hier Bilder zum gruseln sind, weil es in Deutschland passiert? Weil man als "der kleine Mann" glaubt irgendwelchen absurd agierenden Politikern einen Strick drehen zu können? Weil es erschütternde, fast lyrische Blogeinträge über das Sterben in Duisburg gab? Weil die Opfer so jung waren? Warum lässt das Thema hier niemanden los? Die Sau ist doch sonst nach einigen Stunden durch Dorf gejagt.
Sind es die Bilder. Ganz sicher ist das so. Ich finde die Demokratsierung der Bilder von der Basis wichtig. Sie sind voll der Härte und das verzweifelte Schreien der eingeklemmten Menschen klingt extrem nach. Wir Zuschauer können nicht die ganze Verzweiflung begreifen und nachvollziehen, aber so ist sie ein bisschen gegenwärtig, man versteht ein bisschen warum selbst gestandene Sanitäter weinend zusammengebrochen sind. Man kann es erahnen. Ich glaube man muss es sich auch anschauen um irgendwas zu begreifen. Und dann sollte der Gedanke einmal weg von der eigenen Unzulänglichkeit und der Selbstbetroffenheit, was man doch für eine arme Sau ist, weil man diesen schier unfassbaren Inforamtionen aus dem Internet ausgesetzt ist, dann sollte der Gedanke immer den Opfern gelten. Die Trauernden haben ein schweres Päcklein zu tragen, aber der Umstand, dass sie überhaupt trauern können, ist schlichtweg der, dass sie noch leben, noch da sind. Als meine Schwester tot war, da fragte ich meine Eltern, ob es nicht Selbstmitleid wäre, wenn man trauert. Klar, der Zustand der Trauer, des Verlustes ist so unbegreifbar ist, er tut so weh, aber er beschäftigt sich ja immer sehr mit sich selbst. Was aber ist mit den Opfern? Was ist mit künfitgen Ereignissen, bei denen man in die Verhinderung weiterer Tragödien alle Kraft und den Verstand investieren sollte.
Der Blogger Michael Seemann, der den Link zu diesem besonders eindringlichen Video geretweetet hat, fragte sich in seinem Blogpost, ob er den Link vielleicht wieder löschen sollte. Ich denke, man sollte das nicht tun, er hat das auch nicht gemacht. Er hat das hier ganz gut beschrieben. Man scheitert nicht unbedingt an solchen Bildern. Viel mehr sollten solche fürchterlichen Dokumentationen die Betrachter aus den Banalitäten entführen, in denen sie Montags über den Montag, an heißen Tagen über die Hitze, an regnerischen Tagen über den Regen und ansonsten über den verpassten Tchibo-Newsletter jammern. Es gibt diese Dinge, dieses Sterben, Verhungern, diese Gemetzel und bei allem Respekt vor den individuellen Problematiken, so sind doch die allermeisten Zustände in den allermeisten Leben in meiner Peergroup sicher besser als das Elend der Ersoffenen und Betroffenen dieser Welt.










Kommentare
Datum 29.07.2010 - 21:45 Uhr
Name poetin
danke, huck. fürs teilen und für die klugen gedanken.
Datum 29.07.2010 - 21:48 Uhr
Name mspro
Danke für diesen Text.
Datum 29.07.2010 - 21:51 Uhr
Name Raptor
Danke,
Datum 29.07.2010 - 21:55 Uhr
Name heldenBAR
Danke. Ein paar sehr passende Worte.
Heutzutage haben wir nicht einmal mehr den Bezug zum Thema Sterben bei den eigenen Großeltern, da diese nur noch selten im Kreise der Familie daheim sterben, sondern anonym im Heim oder Krankenhaus. Hier ist uns bereits ein Teil der Erfahrung des Abschiedsnehmens und der intensiven Erfahrung und Auseinandersetzung abgenommen bzw. genommen worden.
Datum 29.07.2010 - 21:56 Uhr
Name Martin Weigert
Meine Vermutung: Das Thema lässt Leute deshalb so schwer los, weil man sich einfach kaum vorstellen konnte, dass ein derartiges Unglück in Deutschland - dem Land von Regeln und Vorschriften - möglich war.
Menschen sind vielen Katastrophen gegenüber abgestumpft. Eine Tragödie wie die von Duisburg hingegen, bei der Personen erdrückt und zerquetscht wurden, ist "neu".
Zudem erkennen sich wahrscheinlich viele wieder, wie sie selbst bei irgendwelchen Großevents in Menschenmengen reingeraten. Jeder kann sich in die Rolle der Opfer bzw. Betroffenen hineinversetzen. So geht's mir jedenfalls. Auch das könnte ein Faktor sein.
Datum 29.07.2010 - 22:04 Uhr
Name Huck
Ich habe übrigens ähnliches beobachtet bei dem ICE-Unglück von Eschede vor 12 Jahren. Weil man selbst ja auch in dem Zug gesessen haben könnte, ist es so plastisch. Und dann die Bilder. Nicht umsonst hat die US-Regierung bei den Kriegen im Irak die Bilder zensiert. Die Aufnahmen von den Opfern in Vietnam haben die Menschen weltweit aufgewirbelt, nicht die Berichterstattung. Ich halte diese schlimmen Bilder deshalb für unabdingbar. Nur so kann man marginal begreifen.
Datum 29.07.2010 - 22:07 Uhr
Name Sebastian
Ich stimme dem meisten in Deinem Text zu. Ich glaube was mich so sehr stört an diesen Toten ist, dass hier der Tod so sinnlos und so vermeidbar ist.
Menschen sterben im Straßenverkehr, beim Erdbeben, im Alter usw. - na klar. Das passiert nun mal. Das ist der Lauf des Lebens
Aber wie kann man nur eine Million Menschen auf so ein kleines Gelände lassen und sie vorher noch durch solche Tunnel führen? Das kann ein Blinder erkennen, dass das nicht geht.
Jeder Brand oder eine Explosion auf dem Gelände hätte zur ähnlichen Massenpanik geführt. Der Tod war so vorhersehbar. Insgesamt kann man wahrscheinlich froh sein, dass nur so wenige gestorben sind.
Hier wurden Menschen der Profitgier eines Veranstalters und dem Geltungsbedürfnis eines Oberbürgermeisters geöffnet.
DAS ist das schockierende. Nicht das Video - sondern die Sinnlosigkeit!
Datum 29.07.2010 - 22:10 Uhr
Name Gachmuret
Danke.
Datum 29.07.2010 - 22:10 Uhr
Name Ernie Trölf
Schließe mich an: Danke Huck!
Datum 29.07.2010 - 22:13 Uhr
Name Emathion
Danke für diese sehr privaten Worte zum Gang rausnehmen, Innehalten und Nachdenken!
Datum 29.07.2010 - 22:21 Uhr
Name moralin
Ich habe es bis jetzt nicht lauthals verkündet mir das vid nicht angesehen zu haben und ich möchte jetzt auch keine moralischen Pluspunkte sammeln. Ich weiss nur für mich dass mir dieses mehr an Information nicht gut tut und bin dankbar wenn solche Filme mit Warnung verlinkt werden.
Datum 29.07.2010 - 22:23 Uhr
Name benny
was du hier beschreibest ist in meien augen das schlimmste überhaupt: irgendein leid mit dem eigenen zu vergleichen, also zu zeigen, man selbst sei das mass aller dinge. was hat deine geschichte (der tod deiner schwester) mit diesem thema zu tun?
seit samstag versuchen einige allen vorzuschreiben wie man zu empfinden hat, wie man sich auszudrücken hat. das geht gar nicht.
und immer wieder wenn so etwas passiert höre ich zu allererst heraus, dass ihr genervt seid, dabei zwingt euch keiner den fernseher anzuschalten oder mit zu diskutieren.
ganz toll auch die vergleiche: etwas schlimmes mit xy toten passiert und gleich kommen die genervten besserwisser mit zahlen und dem argument, dass ja täglich gestorben wird. meine güte!
was erwartet ihr eigentlich?
dass über so etwas wie in duisburg, über den toten michael jackson, naturkatastrophen etc. berichtet wird ist klar. und dass reagiert wird auch. und ja, eindeutig ist auch, dass über einige personen oder regionen nicht so berichtet wird wie über andere, wie du schon beschrieben hast. und?
meckern, meckern, meckern, aber nichts ändern.... weil hier nichts zu ändern ist.
du fragst warum es die leute nicht los lässt. die frage hast du doch mit der entscheidung heute auch noch was dazu zu sagen und deine person (!) miteinzubringen selbst beantwortet.
Datum 29.07.2010 - 22:25 Uhr
Name Martin Thielecke
Danke. Einfach der beste Beitrag zu diesem Thema.
Datum 29.07.2010 - 22:26 Uhr
Name CF
Ich habe den Eindruck, dass mit zunehmender Berichterstattung über Katastrophen der Tod im unmittelbaren Umfeld immer weiter tabuisiert wird. Es scheint regelrecht eine kollektive, unkontrollierte Gegenbewegung zu sein.
Ich hatte glücklicherweise bislang nur einmal den Tod eines engen Angehörigen zu beklagen. Bereits während der dem Tod vorausgehenden, intensiven Krankheitsphase von 6 Monaten gelang es selbst engen Freunden nicht, mit der lebensbedrohlichen Erkrankung umzugehen. Viele waren vollkommen überfordert, einige haben den Kontakt vor lauter Hilflosigkeit abgebrochen. Mit dem Tod sind weitere Bekannte in Schockstarre gefallen und es gab vergleichsweise wenige Leute, die authentisch und unverfälscht, ohne sich auf Gemeinplätze zurückzuziehen Ihr Mitleid ausdrücken konnten.
Ich glaube, dass Fehlgeburten auch so ein Thema sind. Ich habe im Bekanntenkreis miterlebt, wie 2 werdende Mütter nicht bloß unter dem Verlust des Kindes, sondern fast genauso unter der Tabuisierung, unter der Unfähigkeit, sich unverkrampft über das Thema austauschen zu können, gelitten haben.
Datum 29.07.2010 - 22:29 Uhr
Name Jan
Eigentlich finde ich das nicht schwer: Je näher ein Opfer mit stand, desto größer meine Betroffenheit. Familie > Freunde > gleiche Stadt > gleiches Land > gleiche gesellschaftliche Schicht > gleiches Alter > etc.
Mag banal und kalt klingen, wissen aber natürlich auch die Medien (auszuschlachten).
Auch 3000 Menschen in Anzügen in einem Hochhaus in einer westlichen Stadt sind "wichtiger" als 5000 brutal ermordete Afrikaner in Darfur. Wer hat denn die 25 Tote durch zwei Autobomben im Irak am Montag mitbekommen?
Wir haben das Internet, wir können das alles lesen und mitbekommen. Wir sind nicht abhängig von den Massenmedien. Und was machen wir? Worüber schreiben wir?
Datum 29.07.2010 - 22:36 Uhr
Name Huck
@benny Dass man das missverstehen kann, wenn man sich bemüht, war mir klar. Aber meine perönliche Geschichte habe ich erzählt um darauf hinzuweisen, warum ich vielleicht nicht ganz so aus der Bahn geworfen werde angesichts einer solchen Tragödie. Genau weiss ich es ja auch nicht. Es ist ein stetiger Prozess dies zu begreifen.
Desweiteren urteile ich nicht über die Trauerhaftigkeit anderer Menschen. Ganz im Gegenteil. Und schließlich schreibe ich hier meine Meinung, meine Empfindungen nieder und halte mich nicht für den Betreiber eines Leitmediums.
Datum 29.07.2010 - 22:42 Uhr
Name Huck
@Jan Das alles ist unerträglich. Wir brauchen Katalysatoren, sonst könnte man das ja gar nicht ertragen. 911 war vom Bombast des Ereignisses vielleicht das gegenwärtigste, weil ja auch ungefähr jeder zweite eine Kamera dabei hatte und das Ereignis aus manigfalitgen Blickwinkeln dokumentieren konnte. Alles stand still. So nah man auch dran ist, es darf keine Tragödiencharts geben.
Datum 29.07.2010 - 22:47 Uhr
Name silenttiffy
Es ist eine Tatsache, die sich keiner großen Popularität erfreut (in einer Gesellschaft, der von klein auf die Betroffenheit als Bürgerpflicht beigebracht wird): dass Trauern und Lachen eng miteinander verschwistert sind und diese beiden Bereiche sich nur scheinbar ausschließen. Der Glaube, Lachen sei Ausdruck von Freude und Weinen Ausdruck des Gegenteils, es handle sich also um zwei einander ausschließende "Modi", rührt von der Wort-Definition her, die wir im Wörterbuch und überall sonst auch finden. Was Trauer angeht, habe ich keine anderen Erfahrungen gemacht, als dass das Lachen ihr integraler Bestandteil war. Meine Mutter erzählte mir immer von den furchtbaren, dramatischen Beerdigungen die sie in Polen besuchen musste und der ausgelassenen, geradezu hysterisch heiteren Stimmung, die hernach beim Leichenschmaus herrschte. Das fand ich reichlich befremdlich, bis ich selbst einen wichtigen Menschen verloren hatte. Mein bester Freund hat sich vor vier Jahren, nach Monaten schwerer Depression, das Leben genommen. Der Anruf der mich darüber in Kenntnis setzte, war der schlimmste, haltloseste Moment meines Lebens. Ich kann hier gar nicht beschreiben wie sehr die heiße Hölle über mir zusammenstürzte. In meiner Verzweiflung rief ich einen gemeinsamen Freund an, der es auch schon wusste. Wir waren eine Stunde später fünf Freunde, die in einem Zimmer saßen und sich aneinander wärmten wie Erfrierende, und wir taten es mit Sprücheklopfen, gegen die Verzweiflung. Ich habe selten einen lustigeren Abend erlebt. Wir haben gelacht wie die Irren. 12 Stunden lang. Wir konnten gar nicht mehr aufhören. Die Tränen standen uns in den Augen vor Beömmelung. Am nächsten Tag weinten wir dann wieder vor Trauer und konnten uns nicht recht erklären, was in der Nacht zuvor mit uns durchgegangen war. Aber wir verstanden alle sehr wohl, dass das Lachen in dieser Nacht eine Notwendigkeit war, und Teil des Trauerprozesses, um den Schock überhaupt verarbeiten zu können, um nicht darüber wahnsinnig zu werden. Vor drei Wochen verstarb mein geliebter Opa. Ich weinte den ganzen Abend und mit jeder Erinnerung an ihn wurde der Schmerz schlimmer. Was tun? Twittern? Ich hatte diese erlernten Bedenken. Ich kann doch jetzt nicht lustigen Bullshit schreiben wenn ... Aber dann habe ich es doch getan, die App geöffnet und die Timeline der letzten Stunden nachgelesen. Fast jeder Tweet erschien mir so lustig dass ich laut rumgröhlte und mit den Füßen scharrte. Mein Hirn war unter Einfluss der Trauer (oder des Schocks der die Trauerphase einleitet) EXTREM empfänglich für jede Art von Humor. Wie habe ich euch in dieser Nacht geliebt für eure dummen Witze, für jedes platte Wortspiel. Mir ist aufgegangen, dass dieses Lachen nach der Trauer, oder in der Trauer, irgendwie "normal" sein muss, denn ich hatte es selbst schon zweimal erlebt, einmal das Phänomen mit vier anderen geteilt, ähnliches berichtet bekommen und außerdem verband ich mein Lachen keineswegs mit Disrespekt, wie das von außen für den gewöhnlich wertenden Menschen vielleicht ausschauen mag.
Danke für diesen Beitrag. Es ist an der Zeit, dass es durchsickert: Lachen im Angesicht einer Katastrophe ist voll ok, wenn nicht sogar eine Notwendigkeit.
Datum 29.07.2010 - 23:02 Uhr
Name acid
Dankeschön!
Ich empfinde deinen Beitrag als sehr konstruktiv und denke, dass man durchaus auch mal in diese Richtung denken darf.
Datum 29.07.2010 - 23:04 Uhr
Name hausohnefenster
Ja, Zustimmung vor allem erstmal. Ich für meinen Teil wüsste auch nicht, wie man damit umgehen kann / darf / soll - soll man überhaupt? Besteht für die "Aussenstehenden" überhaupt der Bedarf, damit umzugehen? Und wenn ja, warum? Ich spüre diesen Bedarf wirklich äußerst selten und ich ringe manchmal mit mir selbst, ob das so gut ist oder ob es mir wirklich egal sein kann. Die Schlußfolgerungen sind ähnlich Deinen - die Masse an Katastrophen-Nachrichten überfluten einen und schrauben jedes Mal den Punkt, wann uns das Entsetzen fassen soll, etwas höher.
Ist das schon stumpf? Oder unbewusstes Verdrängen, weil jede Anteilnahme an jeder Katastrophe einfach auch zu viel wäre?
Schluß - ich weiß es einfach nicht, wie ich damit umgehen kann. Noch nicht einmal, wie ich es für richtig halten würde.
Datum 29.07.2010 - 23:09 Uhr
Name Moritz
Der Text sollte morgen auf die Titelseite der Sueddeutschen. Und auch auf die aller anderen großen deutschen Zeitungen. Was mir in dem Bezug auch immer wieder auffällt: Relationen gehen vollkommen verloren. Gestern war der Tod des 21. Opfers bei der Loveparade der SZ eine Eilmeldung wert. Wieso?
Datum 29.07.2010 - 23:11 Uhr
Name AnneRuhr
Mein erster Gedanke nach dem Unglück war der, dass sich Menschen versammelt hatten, die die Liebe feiern wollten und dabei umgekommen sind - ich vermute, dieser Hintergrund löste die große Betroffenheit aus.
Ähnlich wie bei anderen Unglücken mit tödlichem Ausgang, die beispielsweise auf der Kirmes u. ähnlichen Veranstaltungen passieren, oder so, wie es mit Deiner Schwester war... nur wenige Sekunden vorher habt ihr noch vergnügt miteinander gespielt.
Wenn Menschen durch Kriege, Naturkatastrophen oder Morde zu Tode kommen, erleben wir es -nach meinem Empfinden- wegen der negativen Begleitumstände meist anders, lassen es nicht so nah an uns heran.
Danke für Deine Worte. Sie regen an, erneut darüber nachzudenken, inwieweit wir uns auf die Trauer und den Tod einlassen können.
Datum 29.07.2010 - 23:24 Uhr
Name Ninette
Die Tatsache, dass dese Unfälle auf der Loveparade direkt vor der eigenen Haustür geschehen sind, dass es viele Augenzeugenberichte und Video direkt aus dieser "Tunnelhölle" gibt, hat mir bei so tiefe Bestürzun ausgelöst, dass ich wegen etwas geweint habe, was mich (gott sei dank) überhaupt nicht persönlich betroffen hat. Ich konnte trauern, weil ich direkt nachfühlen konnte, wie die Menschen dort gelitten haben.
Bei vielen anderen Dingen, schlimmeren Katastrophen, die in der Tagesschau gezeigt werden, kann man das nicht so nachfühlen. Vor Ort wäre das sicher anders.
Das war wirklich das erste Mal, das mir so etwas dermaßen an die Nieren gegangen ist...
Datum 29.07.2010 - 23:28 Uhr
Name max12
hab hier noch nie gelesen, bin über nen retweet hierhergekommen
danke für deinen intimen beitrag, ich sehe das sehr ähnlich
es gibt keinen grund dieses video zu verstecken (auch wenn man stark hoffen will dass die angehörigen der opfer dieses nicht mitansehen müssen). es ist wichtig so etwas auch mal mitanzusehen. nicht aus sensationsgier, nicht aus schaulustigkeit, sondern um sich selbst ab und an gewahr zu werden wie zerbrechlich unser eigenes leben und damit auch dass der menschen die uns umgeben.
ich glaube soetwas kann den umgang mit uns selbst und mit den bekannten und unbekannten menschen nachhaltig beeinflussen.
es holt uns auf den boden zurück, so schmerzhaft hart er auch ist. und manchmal müssen viele von uns zurückgeholt werden.
grüße
(weiß grad nicht ob es durchgegangen ist, falls ja: sorry für doppelpost)
Datum 29.07.2010 - 23:47 Uhr
Name Ute
Es ist - völlig ohne Zynismus - ein Gesetz des Journalismus, daß der Nachrichtenwert eines Toten vor der eigenen Haustür demjenigen von ca. 10 Toten im Nachbarland entspricht. Das habe ich schon zu Schulzeiten von einem Lehrer gehört - und es trifft zu, ob einem das nun gefällt oder nicht.
Die hier angesprochenen Videos kenne ich nicht. Sie interessieren mich allerdings auch nicht. Nicht im Sinne von "sch... drauf" oder "oh nein, ich ertrage den Anblick nicht" (den _würde_ ich ertragen, jede Wette), sondern im Sinne von "warum sollte ich mir das anschauen wollen (müssen)?."
Ich gestehe ganz offen, daß ich zwar Mitgefühl verspüre mit den Opfern und ihren Angehörigen, und Ärger auf diejenigen, die nun wieder versuchen, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen und ihren eigenen Anteil an diesem Unglück zu vertuschen. Aber ich trauere nicht und das Unglück hat mich in meinem Alltag absolut nicht beeinträchtigt. Beeinflußt vielleicht - beeinträchtigt auf keinen Fall. Ich kenne keines der Opfer und keinen der Angehörigen oder Freunde. Mir schmeckt mein Essen also so gut wie zuvor, ich kann immer noch bestens schlafen und freue mich wie zuvor auf den Urlaub mit meinen Kindern im August. Ich habe auch weder ein schlechtes Gewissen, noch halte ich mich für unnormal oder abgebrüht deswegen. Das Ganze ist passiert in der Gesellschaft, in der ich lebe, und von daher ist es natürlich relevant. Es geht mich sozusagen etwas an. Aber es ist nicht Teil meines höchst eigenen Lebens und beeinträchtigt dieses somit auch nicht.
Und jetzt werde ich mal politisch ganz doll unkorrekt und gestehe noch etwas: Diejenigen, die selbst nach einer Woche - und ohne irgendwie direkt oder indirekt persönlich betroffen zu sein - noch immer von Weinanfällen, verlorener Lebensfreude etc. berichten wegen des Unglücks in Duisburg... bei denen frage ich mich ernsthaft, ob eine derart schwache Abgrenzung nach außen gesund und/oder erstrebenswert ist. Ich glaube nicht.
Datum 29.07.2010 - 23:48 Uhr
Name Jens Best
Erstmal danke für diesen Text.
Es ist auch das gesellschaftliche Unbehagen, das die Menschen noch Tage nach dem furchtbaren Unglück \\\\\\\"am Thema hält\\\\\\\".
Dass Menschen in fernen, nicht so doll entwickelten Ländern sterben, ist weit entfernt und irgendwie bestätigt das doch das eigene entwickelte Handeln.
Dass Menschen bei einer Katastrophe sterben, die entsteht, wenn die dünne Decke der demokratischen Regulierungskraft reisst, weil die Kräfte des Profits und der Eitelkeit zu stark an ihr zogen - das verträgt der Mensch weniger.
Schließlich wird er so für einen Moment der Illusion beraubt im heilen besseren Teil der Erde zu leben, in dem Probleme immer in Temperaturen im Jahre 2050 oder in Laufzeiten von Atommeilern ausgedrückt werden.
Hier aber, wo die Profitgier eines armseligen Mittelstands-Kapitalisten unglücklich mit dem eitlen Streben eines Provinzpolitiker vermählt wurde, angetrieben von Heiratsvermittlern, die einer ganzen Region eine neue Scheinwelt verkaufen wollen, um die drögen Massen stillzuhalten, hier aber entsteht innere Unruhe, die sich nicht so schnell beruhigen lassen will.
Das Deckchen, mt dem wir uns der sozialen Kälte entzogen, franzt ausgerechnet am so spassigen bunten Ende aus. Dafür muss einer büsen, irgendeiner muss dafür konkret schuldig sein, damit wir uns weiterhin system-relevant glücklich fühlen dürfen.
Datum 30.07.2010 - 00:06 Uhr
Name Huck
@Jens Best und Tiffy Danke für die Ergänzungen. So hätte ich es auch gerne gesagt, wenn ich gekonnt hätte . )
Datum 30.07.2010 - 00:44 Uhr
Name Martin
Nanana, Sekündchen mal.
Martin Weigert hat m.E. da schon völlig Recht. Hinzu kommt folgendes: Auf diesem Event waren 1.4 Millionen Menschen. Jeder von denen hat vermutlich 3-10 \"enge\" Menschen. Wenn man das mal hochrechnet, hat diese Katastrophe doch sehr viele Menschen in Deutschland eine schlaflose Nacht bereitet.
Deine Geschichte ist wirklich gut in seiner Erzählung und in seiner persönlichen Konsequenz, aber Du erzählst sie hier an der falschen Stelle.
Datum 30.07.2010 - 02:15 Uhr
Name Enno
Danke für diesen Post und auch besonders danke an Silenttiffy für ihre schöne Erwiderung.
Huck, ich hatte mich am betreffenden Abend über das Verhalten einiger Twitterer beschwert und dabei explizit über diejenigen Leute, die damit argumentieren, dass woanders ja auch ständig Leute stürben. In meinem Blogpost bin ich dann genau das Thema angegangen: Wenn man Betroffenheit in bestimmten Situationen zeigt, folgt für viele die moralische Pflicht, in allen möglichen anderen Situationen auch Betroffenheit zu zeigen - das ist etwas, was wir als Individuen unter keinen Umständen durchhalten können. Die einzige Alternative wäre eine völlige Egal-Haltung und totale Gefühlkälte. Uns bleibt als Menschen einfach nichts anders übrig, als uns von manchen Dingen stärker betroffen zu fühlen als von anderen, zumal jeden Tag irgendwo auf der Welt schlimme Dinge passieren. Dieser Absolutheitsanspruch, immer und ständig betroffen sein zu müssen, ist IMHO eng mit der "Kultur des christlichen Abendlandes" verwoben. Eva Herman hat mir da nur ein schön plakatives Beispiel geliefert.
Am Abend der Loveparade hast du mich entfolgt. Nein, ich will nicht betteln oder jammern, wüsste nur gerne, ob deine Timeline zu voll war oder ob es direkt mit meinem Blogpost und meinen Tweets zusammen hängt. Wenn ja, fände ich das ziemlich schade.
Datum 30.07.2010 - 08:11 Uhr
Name Mellcolm
Ach Hückchen, was soll man denn noch nachtragen, wenn einer das, was zu sagen war schon so treffend gesagt hat?
Vielleicht das: Danke, dass Du aufgeschrieben hast, was ich mich allenfalls zu denken traute.
Datum 30.07.2010 - 09:24 Uhr
Name Spreequell
Danke danke danke. Das Klügste und Persönlichste, was ich in diesem Zusammenhang gelesen habe!!
Datum 30.07.2010 - 10:19 Uhr
Name tschouns
Ich weiss, wie es mir geht und ich denke vielen Jungen geht das genauso:
Das Unglück macht mich deswegen so betroffen, weil es mich genauso hätte treffen können. Auch ich besuche solche Massenveranstaltungen und ich kenne das Gefühl, eingeklemmt zu sein in einer Menschenmasse. Nein, ich möchte das alles nicht auf mich beziehen und wahrscheinlich war ich nie in einer derart schlimmen Situation wie die Menschen in Duisburg - trotzdem kann ich mir ungefähr vorstellen, wie das gewesen sein muss. Und gerade deshalb leide ich umso mehr mit den Opfern.
Wenn in Mekka (2001) bei einer Massenpanik über 300 Leute sterben, ist das ganz was anderes ... ich würde ja nie nach Mekka gehen. Loveparade ist etwas Anderes - ich hätte genausogut vor dem Tunnel stehen können. Es ist eben doch viel näher an meiner Lebenswirklichkeit und darum macht mich das mehr betroffen.
Und dann gibts noch einen anderen Aspekt, der mich nachdenken lässt. Wir wollen alle immer nur feiern, egal wo. WIr überlegen uns gar nicht, wie gefährlich es ist dorthin zu gehen; vertrauen blind den Veranstaltern. Und ich frage mich, ob ich mich da in Zukunft anders verhalten werde.
Datum 30.07.2010 - 11:36 Uhr
Name Hannes
"[...]gab es eine Flutkatastrophe in Südamerika, in deren Verlauf über 40.000 Menschen ums Leben kamen. Dieser Nachricht wurde ca. 30 Sekunden Zeit [...] eingeräumt. _Es ging schlichtweg unter_."
Muß ich mich jetzt schlecht fühlen, weil ich über diese Stilblüte schmunzeln mußte?
Egal. Ich habe irgendwo mal ein Sprichwort gelesen, dass sinngemäß lautete: "Je höher die Zahl der Opfer, desto mehr ist das Unglück reine Statistik."
Soll heißen: Wenn 40.000 Menschen bei einer Flutkatastrophe umkommen, dann kann man das einfach nicht wirklich begreifen. Wieviel sind 40.000 Menschen? Diese Zahl ist sehr schwer vorzustellen.
Aber (mittlerweile) 21 Tote? Das ist eine Zahl, die viel eher begreifbar ist und man hat irgendwie das Gefühl, die Leute die dort gestorben sind gekannt zu haben.
Datum 30.07.2010 - 11:56 Uhr
Name Oliver
Ich bin durchs BildBlog auf den Text aufmerksam geworden und ich möchte mich auch einreihen in die Liste von Leuten die Danke sagen für so einen treffenden, tiefgreifenden, emotionalen und umsichtigen Beitrag, der mich sehr mitgenommen hat. Was ich an solchen Geschichten immer am schlimmsten finde: In einem halben Jahr ist das Ganze vergessen, und eine Veranstaltung wie die Love Parade wird es in spätestens 2 Jahren wieder geben. Nicht, dass einen so ein tragisches Unglück tagtäglich verfolgen sollte, um Gottes willen, aber man sollte schon ein wenig Demut an den Tag legen und die wirklich wichtigen Dinge nicht aus dem Kopf verlieren. Ich als großer Fussball-Fan habe in diesem Zusammenhang gerade vor allem die Geschichte um Robert Enke im Kopf. An dem Druck im Fußball-Umfeld hat sich seitdem wie zu erwarten war überhaupt nichts geändert.
Datum 30.07.2010 - 13:40 Uhr
Name Chris
Gut mein kommi klingt bestimmt total banal (oder banane ;p) aber jedesmal wenn i-was schlimmes passiert ob jetzt ein Erdbeben oder wenn ich i-einen Fehler gemacht habe ist meine erste Reaktion eigentlich immer erst einmal zu lachen und mit Unverständniss zu reagieren weil ich halt kp hab was ich sonst in der Situation machen kann/soll.
Ich fühl mich dadurch nicht gefühlskalt aber es ist mir dann immer unangenehm.
Am Samstag Abend nach nem schönen Abend saß ich im Auto und hörte Radio mit der \"Schreckensmeldung\", versteht mich nicht falsch es ist schrecklich, aber halt nicht für mich. Indes bin ich meinerseits überfordert weil ich nicht die Etikette für sowas kenne und es auf der ganzen Welt zu Unglücken kommt.
Und wenn man recht überlegt sind Unglücke ja nichts neues. Schon früher ist viel schlimmes/unglückliches passiert. Wir leben halt nur in der Zeit in der Informationen innerhalb von sek. jede Entfernungen überbrücken und somit jeder mit Internet und/oder anderen Mitteln bescheid weiß.
Ich bin ganz ehrlich weder entsetzt noch traurig, geschockt, wütend oder sonstwas. Ich bin nur froh. Froh darüber das ich nicht da war und das meinen Freunden dort nichts passiert ist.
Das mag sich jetzt mies/schei** etc anhören aber das ist es nicht, weils einfach die Wahrheit ist!
Ich kann sowas nicht fühlen, weil mich mit dem Unglück (sowie jedem anderen seit 1990) nichts verbindet.
Stattdessen kann ich nur den Angehörigen der Toten mein Beileid kund tun.
Datum 30.07.2010 - 14:24 Uhr
Name Monodrom
Die Momente, in denen ich mal wieder kommentieren möchte anstatt eine DM zu schicken: Danke für diesen Text.
Datum 30.07.2010 - 16:56 Uhr
Name andreas
die trauer und das leid sind ständige begleiter; teil des lebens. unsere gesellschaft macht daraus einen hype. das schöne und fröhliche ist auch teil unseres lebens zählt in den medien aber nicht gleichermaßen. das ist was mich stört.
wenn wir opfer von katastrophen in fernen ländern nicht so nah an uns heranlassen und wahrnehmen (weiß jemand von Euch wieviele opfer der algerische bürgerkrieg -1992-2000- gekostet hat ? - 120 000), scheint mir normal. wer kann denn das alles noch "verkraften" und was soll das dann heißen ? soll man wegen jedem terroropfer in tränen ausbrechen - da fehlt mir die balance zur fröhlichkeit. wenn jemand stirbt, wird auch wieder jemand geboren !
Datum 30.07.2010 - 17:11 Uhr
Name lego
Ich habe auch versucht auf diese Frage eine Antwort zu finden http://legoyourego.wordpress.com/2010/07/30/allerbeste-qualitaten-um-paraden-zu-feiern-und-exklusive-feten/
Datum 31.07.2010 - 10:58 Uhr
Name Huck
@Oliver Solche Veranstaltung soll es auch weiterhin geben, auch wenn es nicht mein Ding ist. Das Unglück 1989 in der Anfield Road (FC Liverpool) musste man auch verarbeiten und danach gab es wieder Fußballspiele mit großem Publikum und im Prinzip wirkt es rückwirkend bei vielen ähnlichen Veranstaltung so, als hätten die Menschen viel Glück gehabt, dass nichts passiert ist. Diese Massen kann man wohl kaum kontrollieren. Man muss sich nur mal die Tokioter U-Bahn anschauen. Da muss ja nur mal irgendwas schief laufen und dann will ich nicht in der Sardinenbüchse stecken (Ansonsten übrigens auch nicht). Ich fand die Loveparade anfang der Neunziger, als sie noch auf dem Ku\'damm stattfand eigentlich ganz amüsant. Warum sollte sie auch nicht mehr stattfinden. Auch wenn das nun beileibe nicht meine Art der Veranstatung ist, so sollte das dieser Fitnessstudiotyp aus lauter Hilflosigkeit so nicht festlegen. Das sollte auch wieder in Berlin stattfinden und alle sollen wie gehabt erst in die Büsche pinkeln und sich dann darin im Liebesrausch wälzen. Das hat ja dann immer auch etwas woodstockeskes. )
Datum 31.07.2010 - 13:14 Uhr
Name Ute
@Chris Ich gebe offen zu, daß es mir ganz ähnlich geht. Momentan, also gerade heute, am Tag der Trauerfeier, fühle ich einen nicht mal mehr subtilen zu nennenden Druck, gefälligst ganz doll traurig zu sein, weil es ja alle sind. WDR2 sendet explizit und absichtlich über Stunden Musik, bei der man meinen könnte, die Welt würde untergehen - aber das tut sie für den Großteil von NRW, Deutschland oder den Rest der Welt eben nicht. Ist so. Auch für mich nicht. Fakt. Punkt.
Ich genieße ganz einfach das Wochenende und vermisse ebenfalls langsam ganz entschieden die Balance in der Berichterstattung der Medien. OK, heute war die Trauerfeier, aber wenn das nächste Woche so weitergeht, lasse ich Radio und Fernsehen aus.
Datum 04.08.2010 - 13:31 Uhr
Name akaJens
Danke für deinen Text, er hat mich sehr bewegt.
Datum 08.08.2010 - 19:39 Uhr
Name der onkel
Jeder tritt einmal ab, soviel steht fest. Der Gedanke daran ist allzumeist befremdlich. Auch dass es i.d.R. nicht gewollt ist, ist mehrheitlich konsensfähig.
Der Fakt an sich ist auch nicht Gegenstand des Blogeintrages. Das Unabänderliche an der Tatsache, macht ein Dagegenstehen unvernünftig.
Es kann also nur darum gehen, dass 1. die Art und Weise und 2. zu welchem Zeitpunkt ums Leben gekommen wird, 3. bei Anderen eine besondere und unterschiedliche Resonanz erzeugt. Das ist das Thema dieses Blogeintrags.
Das einfachste der 3 Einzelthemen ist der Zeitpunkt: zu früh ist für den Außenstehenden -unmittelbar einsichtig- immer negativ, weil die Aussicht, Chancen zu leben, nicht realisiert werden kann. Ausnahmen können (nicht müssen) Umstände sein, die den Tod eines anderen wünschenswert machen. Integerstes Beispiel: der Tyrannenmord. Es gibt hierzu viele andere Ausnahmelfälle.
Ein anderer Grund ist das nicht betroffen sein. Dazu Folgendes:
Was ist zu früh? Aus betroffener Sicht immer, Freitodmotive (nicht abträglich gemeint) ausgenommen. Außenstehende sehen das bei Unglücken i.d.R. auch so.
Zur Art und Weise: für unfreiwilligen gilt das Gleiche wie für den verfrühten Tod. Er wird als negativ empfunden. Es gibt Ausnahmen, z.B. wenn ein politisch der eigenen Auffassung extrem entgegenstehender Politker o.ä. verunglückt. Dann kann (nicht muss) die Resonanz im Bereich Emphatie eher verhalten sein.
Die Emphatie können auch Umstände abstumpfen, in denen sich Betroffene in Gefahr begeben haben. \"Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um\", weiß der Volksmund.
Wichtig für Emphatie ist, dass die zu Tode gekommenen unschuldig an diesem sind.
Aber auch das ist nicht ausreichend.
Räumliche und zeitliche Nähe sind erforderlich. Notwendig sind Identifikationsmöglichkeiten und zudem besondere Umstände, wie die besondere Grausamkeit des zu Tode kommens oder die Außergewöhnlichkeit des Ereignisses.
Interessieren jemanden die Toten von Herculaneum und Pompeji ? Nicht wirklich. Sie sind aber gewiss auch elendig gestorben und haben dabei ihr eines Leben unschuldig und zu früh verloren. Solche Beispiele könnten in großer Zahl angeführt werden.
Bereitschaft zur Emphatie verringern auch persönliche Faktoren, wie freie Kapazität, Lebensalter, persönliche Erfahrungen.
Um zum Schluss zu kommen: in einer offenen, hedonistischen und kapitalistischen Gesellschaft ist die Art und Weise der Reaktionen durchaus normal. Diese Reaktionen zu kritisieren ist ebenfalls normal. Die Art und Weise bezeichnet den Abstand des Kritikers vom kritisierten Gegenstand.
speziell @Huck: die Geschichte mit deiner Schwester tut mir Leid. Dem ollen Nietzsche nach, wäre dies doppeltes Leid und unnötig, weil es nichts an der Sache ändert. Aber es hilft mindestens mir, deinen und den vergangenen Schmerz deiner Schwester zu teilen.
Bei dem Punkt warst Du schon in deinem Text. So einfach funktioniert der Mensch.
Und Nietzsche ist doof. Schon Wagner hat gesagt, dass der zuviel onaniert hat und deshalb von der Rolle gekommen ist. Und Wagner wusste wovon er spricht, oder?