Die Provozeihung
Über die Zukunft von Print und Web
von Joerg H. Haas und Kacper Potega
Wir predigen es seit Jahren: werden Sie so wie wir und Sie haben im Leben nur noch Funsorgen. Außerdem müssen Sie sich nicht mehr mit Müllbergen voll fürchterlich gestalteter Erzegnisse rumplagen und mit Menschen, die sich am Fuße des 21. Jahrhunderts immer noch als Webmaster bezeichnen. Und wie soll das gehen? Lesen Sie selbst in dieser Mischung aus Provokation und Prophezeihung…
Die Zukunft des Drucks ist rosig, aber nicht massenhaft. Zur Zeit erscheinen ca. 10.000 verschiedene Titel mit einer Gesamtauflage von 400 Millionen Exemplaren in Deutschland. Hinzu kommen Flyer, Broschüren und ähnliches. Du kannst es nicht mehr ertragen, denkt man sich manchmal angesichts der überquellenden Mülleimer. Kaufe ich mir eine Zeitschrift aus wissenschaftlichen Gründen, womöglich die Fachzeitschrift Page, dann nehme ich sie zuvörderst und schüttele sie über dem Papierkorb aus, reiße die dicken Pappwerbeeinlagen heraus, überblättere wenn möglich die Anzeigenseiten und versuche dann zu unterscheiden, was Redaktion und was Werbung ist. Es ist kaum noch zu unterscheiden. Es ist womöglich schon egal. Die Massen an gekauften redaktionellen Beiträgen sind da sozusagen die Schlachtbank der Printmedien. Gruselige Broschüren, die mit kruder Sprache und blödsinniger visueller Anmutung daherkommen, machen das Leben auch nicht reicher. Die klassische Imagebroschüre in all ihrer Trübnis und Feigheit ist in unseren Augen inzwischen der Abschaum der Menschheit, aber wenn sie nur eine marginale Veränderung in der Form und im Bild erführe, würde sie aufleben und könnte in Würde alt und grau werden. Das muss aber erstmal gemacht werden. Was ist zu tun?
Da muss Vernunft einkehren, wo nur Angst und Bockigkeit regieren. Wir Designer müssen die Menschen ermutigen, neue Wege zu gehen. Der Print stirbt in trauriger Unzulänglichkeit, wenn wir nichts dagegen tun. Die Druckereien und Verlage heulen heute schon laut auf und vergraben sich in Herbeisehnen der „guten“ alten Zeit. Die gute alte Zeit ist aber neulich abgelaufen. Es gibt das Internet und die schier unendliche Reproduzierbarkeit von Printerzeugnissen, da hat sich was verändert. Und es ist ein Wunder, dass weltweit überhaupt noch ein einziger Baum verwurzelt in der Erde steht.
UND
Viele dieser Erzeugnisse kommen von sogenannten Internetdruckereien, die Flyer in absurden Auflagen zu sehr niedrigen Preisen anbieten, da bestellt man doch einfach mal 10.000 Stück Flugzettel für eine Veranstaltung, zu der nicht mehr als 50 Leute erwartet werden. Das Papier ist nichts mehr wert. Hohe Auflagen können getrost riskiert werden, zur Not wandert das Printprodukt halt in den Müll. Wir wissen es nicht mehr zu schätzen. Noch nicht mal den Fisch wickelt man heutzutage und hierzulande noch in Zeitungspapier ein. Aber zur Erinnerung: Das Papier kommt aus dem Wald und nicht aus dem Drucker. Laut dem Verband deutscher Papierfabrikanten liegt der Anteil von Altpapier bei Druck- und Pressepapier lediglich bei 36 Prozent (ohne Zeitungsdruckpapier). Der Rest muss dem Wald entrissen werden.
Und an dieser Stelle beginnt ja spätestens der Kotzflash. Als die Volksdesignbewegung Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhundert den Prozess des Grafikdesigns mittels Programmen wie Corel Draw und Word-Art mit hunzigen Entwürfen verwässerte, hätten die Designer aufmerksam werden müssen, doch statt zu handeln, feiert man sich in der eigenen Matrix weiterhin als unantastbar. Die Stundensätze für Grafikdesigner gipfelten in geradezu bizarren Unsummen, und hinten herum machten sich Hobbygrafiker daran, gruseligste Schriften mit krautigen Bildern zu kombinieren und bestimmten von unten herauf das Bild von Grafikdesign einer ganzen Generation. Genau diese Leute waren dann auch die ersten, die sich im Internet breitmachten, und so bekam das bislang bahnbrechendste Medium nach der Erfindung des Buchdruckes ein Gesicht von Laien. Viele Grafikdesigner wollen selbst heute noch nichts von Webdesign und den Möglichkeiten wissen, eine völlig andere Welt zu gestalten, die uns alle immer mehr bewegt und schließlich die Zukunft und die Gegenwart darstellt.
Weiterhin wurden Massen von Printartikeln gestaltet und gedruckt.
Man wurde der Flut an bunten Zetteln und unmöglich gestalteten Heftchen und Broschüren überdrüssig, und als die florierenden Online-Druckereien der analogen Branche auch noch das Wasser abgruben, entschlossen sich die Meinungsmacher, dem Printprodukt einen nahen Tod anzudichten. Selbsterfüllende Prophezeihung galore.
ALSO
Als wir 2006 zur Überzeugung kamen, doch noch neben unserer Website, ein schönes Printprodukt zu produzieren, da waren wir uns schnell einig, dass die Imagebroschüre nicht in Frage kommt. Es musste was neues sein, und natürlich musste es einigermaßen im Kostenrahmen unserer Möglichkeiten bleiben. Was sollen wir schwadronieren, flehentlich, dass wir Grafikdesign können, wenn wir es doch können? Also blieb das Machen. Und wir wollten nicht untergehen neben den Massen und dem ganzen Blödsinn auf dem Markt der Unerheblichkeiten. Natürlich wollten wir die Gelegenheit nutzen und etwas Neues gestalten, das nur uns gehört. Wo der Störer nicht zwingend ist, und auch nicht das Logo „das mir mal mein Neffe mit PowerPoint gemacht hat“ eingebaut werden muss. Schließlich müssen wir die Texte auch nicht für imaginäre Leute schreiben, von denen gern behauptet wird, sie verstünden das alles ja ohnehin nicht. Das ist der größte Graus überhaupt, die Angst der Szene vor dem dummen Kunden, der eigentlich nur verarscht werden will. Der Einzelfall wird zur Allgemeinheit geredet, aber wirklich dumm ist nur der Berater, der die Vorzüge seines Produkte nicht vermitteln kann, und der Designer, dem nichts einfällt, und so (Alt-)Bewährtes präsentiert, weil der Prozess dann natürlich weniger kompliziert erscheint. Gewohnheit ist scheinbar einfach zu vermitteln. Doch Design und grafische Gestaltung sprechen mit den Menschen, und die wollen doch den ganz Schmonz nicht mehr sehen. Die wollen doch gesalbt werden, sich ausruhen vielleicht, erfreuen bestimmt und sicher auch mal gefordert werden. Die Verdummung des Volkes hilft niemandem, noch nicht mal dem Volk, und dem Designer letzten Endes auch nicht. Also haben wir uns gedacht, wir krempeln das jetzt von unten herauf nach oben auf. Wir schenken den Leuten etwas, das schlicht und ergreifend sagt, was wir können, ohne dass wir uns in Worthülsen verzetteln. Also haben wir mit dem Stijlroyal.Magazin das gemacht, was wir können und nun projizieren wir das auf die weite Welt. Die Idee, Dinge in angemessenen Auflagen, dafür aber hochwertig zu gestalten, ist nun das Wappen auf unserer Fahne der Gestaltung. Wir reduzieren auf das Maximum.
DENN
Es ist ja nicht so, dass ein schönes Magazin in der Hand und auf dem Nachttisch als Nachtisch nicht was Schönes wäre, und das kaputt-herbeizitierte haptische Erlebnis nicht doch eine große Rolle spielen würde. Nur - dazu muss Qualität geschaffen werden. So könnten im Rahmen neuer Vertriebswege die Auflage und die Erscheinungsweise auf den speziellen Moment reduziert werden. Statt wöchentlich mit einer Auflage von 100.000 in den Druck zu gehen, könnte ein Magazin einmal im Monat erscheinen, eleganter, größer, haptischer Erfolg, mit dem was die Druckkunst im Stande ist zu leisten und mit einer Auflage von dann vielleicht 20.000. Der Rest wird von Profis im Internet dementsprechend, nämlich passend und analog zum digitalen Medium, aufbereitet und dort publiziert. Sie wissen schon: akutell, zeitsparend, kostenschonend, nah, überall abrufbar, zielgruppenorientiert und so. Taschenbücher, Tageszeitungen, Fachzeitschriften, bei denen es vor allen Dingen um die Inhalte geht, müssen nicht mehr Ressourcen vernichtend produziert werden. Vielmehr könnten eReader, iPhones oder eBooks als Lesegeräte für Textinhalte herhalten und zum Beispiel ganze Jahresabos von Zeitschriften im Taschenformat mit sich herumtragen. Zudem ist das Internet quasi überall abrufbar. Sicher nicht für alle die Vorstellung von einer schönen, neuen Welt: Man hat seine Musik, seine Korrespondenz, Bücher, Zeitschriften, Tageszeitungen und womöglich noch sein komplettes Büro in einem einzigen Gerät, und man kann soviel Musik, Bücher, Zeitungen und Tageszeitungen erwerben, wie man will, das Ding wird einfach nicht schwerer. Die Freunde beim Umzug werden Ihnen ewig dankbar sein.
Das ist die Zukunft, kurz angerissen.
DAS INTERNET
Zu den Werbeprospekten, mit denen unsere Briefkästen Woche für Woche zu Stopfgänsen gemacht werden, gibt es eine viel bessere Alternative. Dieselben Leute, die diese Blätter konzipieren, gestalten, die Druckadministration übernehmen, könnten exakt den gleichen Content mit Hilfe eines Content Management Systems ins Internet stellen und pflegen, womöglich täglich, und bräuchten vielleicht nur die Hälfte der Zeit. Die Voraussetzungen hierfür sind längst geschaffen. Content Management Systeme wie das Dynamo Royal CMS können heute so auf die einzelnen Webseiten zugeschnitten werden, dass innerhalb einer halbstündigen Schulung jeder, der schon einmal am Computer einen Text geschrieben hat, in der Lage ist, die Webseite zu pflegen.
INHALTE
Aber wie immer gilt: Man muss es richtig machen. Viele Unternehmen haben erkannt, dass man heute ohne Webseite viel an Wahrnehmung einbüßt. Wen ich bei Google nicht finde, den gibt es auch nicht. Was Internet aber genau bedeutet, was man damit jetzt genau anfängt, weiß – so scheint es – kaum einer so recht. Und so werden unübersichtliche, überladene Webseiten online gestellt, es werden im Backend Typo3-CMS-Monster programmiert, die selbst innerhalb eines großen Konzerns vielleicht nur eine Handvoll Mitarbeiter unter Valiumeinfluss bedienen können. Es werden überdimensionierte Flashseiten erstellt, die selbst auf einem modernen Rechner mit moderner Internetverbindung noch genug Zeit bieten, stattdessen das jeweilige Ladengeschäft aufzusuchen, um sich vor Ort zu informieren. Eine Webseite ergibt eben nur dann wirklich Sinn, wenn sie innerhalb sinnvoller Parameter bedienbar ist.
ALSO
In erster Linie braucht eine Webseite Inhalte. Ausschweifende Texte werden im Internet nur selten gelesen. Im Internet wird zielorientiert nach Informationen gesucht. Dementsprechend müssen diese aufbereitet sein. Das lässt sich nur mit einer übersichtlichen und benutzerfreundlichen Gestaltung erreichen, einer Gestaltung im ästhetischen wie im technischen Sinne, die es erlaubt, die Webseite schnell aufzurufen, an möglichst vielen Endgeräten, Informationen schnell zu finden – und diese mit einem positiven Gefühl wieder zu verlassen. Gleichzeitig muss eine solche Seite ständig mit neuen Inhalten gefüllt und/oder aktualisiert werden. Das lässt sich nur (kosten-)effizient gestalten, wenn die Webseite mit einem Content Management System ausgestattet ist, das den Nutzer nicht durch unnötige Funktionen verwirrt und ohne Mühe bedient werden kann. Nur dann ergibt alles überhaupt einen Sinn.
SODANN
Interessenten direkt Ansprechen. Mit Hilfe des sogenannten Predictive Behavioral Targeting lassen sich mittels mathematischer Algorythmen und diverser Messdaten aus dem Surfverhalten des Benutzers ausführliche Profile erstellen, mit deren Hilfe jedem Nutzer ein individuell zurechtgeschneiderter Content (und vor allem: Werbung) geliefert werden kann. Im Massenmedium Internet fühlt sich der Benutzer so trotzdem noch als Einzelperson behandelt und neigt eher dazu, Werbung in seinem Leseumfeld zu akzeptieren. Auf diese Weise können nicht nur auf der eigenen Webseite dem Nutzer angepasste Werbeinhalte geboten werden, es wird auch immer einfacher Werbung dort zu platzieren, wo sie tatsächlich auf Interesse stoßen könnte. Man muss niemanden mehr belästigen.
SINN
Vor allem aber gilt, das Internet als Organismus zu begreifen. Sicher fällt es jüngeren Menschen heute noch leichter, sich als Teil des Internets zu begreifen, wenn sie dort Inhalte abrufen und hinein stellen. Die richtigen Termini an der richtigen Stelle, machen eine diesbezügliche Kommunikation untereinander wesentlich leichter, als wenn der Wenignutzer darauf besteht, die Aktenordnerterminologie der späten 50er Jahre zu verwenden, wenn es um das Internet geht. Da werden Daten immer noch vom Webmaster eingepflegt und nach dem Versenden eine E-Mail, nochmal durchgebimmelt, um diese anzukündigen. Dann geht man ins Internet und ruft die Mail ab. Am besten mit einem 80486 und Windows 95 bei AOL. Gesurft wird mit dem Internet Explorer 5.5 im weltweiten Netz. „Ich geb‘ Dir mal eine Webadresse. Bist Du im Internet?“ „Jaaahhaaa, ich bin immer ‚im Internet.“ „Also… bist Du bereit? Also: Weh Weh Weh Punkt…“ undsoweiter. So unverkrampft kann das Internet sein. Und wenn ich zum Beispiel meinen Mitarbeitern URLs kurz via Skype übermittle, weil ich dann nicht auf einen besonderen Zeitpunkt der Aufmerksamkeit angewiesen bin und auch nicht alle Dots und Unterstriche erklären muss, werde ich kurzerhand für hochgradig internetsüchtig und geisteskrank und somit als gerade noch bemitleidenswert erklärt.
Zu begreifen, dass das Internet ein gesellschaftlicher, in hohem Maße relevanter Raum ist, erschließt sich nur langsam. Doch dahin geht die Reise. Ein selbstverständliches Nutzen und Begreifen des Internets, seiner Möglichkeiten und seiner Nutzer muss das Ziel sein. Leider ist solcherlei von Seiten der Politik und ihrer Parteien kaum zu erwarten. Wir müssen das selbst tun. Wir, die wir diese Welten gestalten und Inhalte produzieren, aber auch unsere Freunde, Bekannte, Verwandte, Kollegen, Kunden und Follower innerhalb unser Zelle müssen angehalten werden, es muss ihnen begreiflich gemacht werden, dass es ohne sie kein Internet gibt, weil der Begriff nur obendrein die physische Verbindung verschiedener Computer weltweit bedeutet.
Also wird es in einigen Jahren immer normaler, wenn Menschen in U-Bahnen und Bussen sitzen und in Lesegeräte starren, statt mit umständlich zurückgefalteten Tageszeitungen zu hantieren. Die Frage, welche Bücher man nun für den Urlaub einpackt, erübrigt sich, wenn man einfach die gesamte Blibliothek dabeihaben kann. Zeitungsabos via Wlan-Schnittstelle werden das normalste der Welt sein. Lexika und Wörterbücher, Fach- und Schulbücher, sowie Bücher und Magazine mit aktuellem Inhalt werden am Notebook oder an entsprechenden Lesegeräten gelesen werden.
Übrig bleiben die hochwertigen gebunden Bücher, druckveredelte Magazine, Bildbände und mittelfristig auch Wandbehänge, Poster und Plakate. Der Besitz dieser Produkte muss wieder etwas Besonderes sein. Etwas, für das es sich lohnt, Bäume zu erlegen und zu Brei zu verarbeiten. Das kann insgesamt etwas Schönes werden. Wie groß ist die Freude und die Aufmerksamkeit, wenn man dann in seinem Briefkasten Werbung findet, die inhaltlich und optisch ihren Namen verdient. Es wirbt der Pfau und schlägt sein Rad. So wird es sein.
Die Zukunft kann genau jetzt beginnen.
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